Dichtung — Mystik — Spiritualität


Hans Sterneder
Der Edelen Not


Vision um die Naumburger Figuren
Erzählung – Hardcover – 96 Seiten – 13,40 EUR
ISBN 978-3-940964-06-9

„In Form einer Erzählung eine dichterische Sinndeutung
der weltberühmten, unsterblichen Naumburger Sandsteinfiguren.“

Hans Sterneder

Der Naumburger Dom und seine berühmten Stifterfiguren haben Sterneders Geist in ganz besonderer Weise angezogen. Während seiner Wanderschaft 1909-1911 hat er mehrere Monate dort verbracht und sich ganz in ihren geheimen Zauber versenkt. Später schrieb er einmal, dass ihm in der Versenkung in diese Figuren die geistigen Zusammenhänge offenbar wurden, die er als „Bauhütten-Geheimnis“ bezeichnete. Mit dieser kleinen Erzählung hat er dem steinernen Denkmal ein literarisches an die Seite gestellt.

Mit der Eindringlichkeit ehrfürchtiger Liebe gestaltet er Schicksal und Idee eines edlen Menschentums, das, in unvergänglicher Form zu Stein geworden, als ewiges Symbol über uns Macht hat. Es ist ein Seelendrama von erschütternder Wucht, das diese Menschen erlebt und erlitten haben und das in Sterneders ergreifender Erzählung von Utas Sehnsucht und Liebe mit einer Anschaulichkeit, wie sie nur die Legende besitzt, den Leser in ihren Bann schlägt.

Leseprobe

Im rauen Wind des Schicksals
© Eich-Verlag, Thomas Eich 2009

Länger als er gedacht, wurden sie in Italien festgehalten.
Groß wie eine Sonnenblume prangt die Liebe. Groß wie Mut und Not wird die Sehnsucht zweier Herzen.
Dreimal schickt Wilhelm Nachricht an seine Geliebte.
Noch im Spätherbst des ersten Jahres, als des Kaisers Bote nordwärts zu den deutschen Fürsten reitet.
Doch des Boten Mund bleibt stumm. Schweigend liegt er auf hohem Alpenpass vom wilden Schneesturm begraben.
Der andere, den Wilhelm im frühen Sommer des kommenden Jahres sendet, wird von Aufständischen bei Cremona erschlagen.
Der Dritte kommt nach Deutschland, auf die einsame Burg und vor den Grafen von Ballenstedt. Seine Kunde hat jedoch nie das Ohr der bang harrenden Jungfrau erreicht ...
Schwer wie herbstliche Bäume stehen die Herzen zweier Menschen im rauen Wind des Schicksals.
Erst am Beginn des dritten Jahres stampfen die Rosse wieder nordwärts.
Laut schnauben die Hengste, sie führen den deutschen Sieger und Herrn durchs Südland. Als sich vor ihnen die schneebedeckten Alpenketten auftürmen, löst sich von Wilhelm der schwere Druck.
Und als er jenseits der großen Mauer das Flöten der ersten deutschen Amsel hört, huscht ein leises Lachen durch sein Herz.
Nun lächelt Wilhelm von Camburg von Tag zu Tag mehr. Und als seine Augen zum ersten Mal die klaren, hurtigen Wasser der Saale wieder sehen, summt er unbewusst ein Lied vor sich hin
„Ihr seid wieder frohgemut“, sagt die Kaiserin Kunigunde, ein gnädiges Lächeln auf ihren Zügen.
„Ja!“, entgegnet der Angeredete, und es geht ein Leuchten über sein Gesicht.
„Bald werd ich sie wieder sehen!“, sagt er mit blitzenden Augen zu seinem Jugendgespielen Dietmar von Saaleck. „Rüst dein edelstes Kleid: Du wirst ihr Brautführer sein!“
Der streckt ihm die Hand über den Sattel entgegen. Fest ist der Druck.
Je weiter sie nach Thüringen hinkommen, umso mehr redet der Glückliche von seiner Geliebten.
Zwei Tage noch, und sie sind in Naumburg.
Dort will Markgraf Hermann seinem hohen Herrn und Freund ein Fest geben.
Und hier will Wilhelm von seinem Kaiser Urlaub erbitten und, nachdem er die väterliche Burg gerichtet, westwärts reiten.
Nein, nicht reiten: Fegen, fliegen, wie die Stürme tollen, wenn es gegen Herbst zugeht.
Am Vortag vor dem Fest Maria Himmelfahrt sehen sie die Zinnen und Türme von Naumburg.
Die beiden Jugendfreunde reiten an der Spitze.
Ein kleiner Zug sprengt den Hügel herab.
Eine Staubfahne flaggt hinter ihm her.
„Der Trotzkopf“, brummt Dietmar von Saaleck. Er ist mit Ekkehard ständig überquer.
„Es ist eine Frau dabei“, sagt Wilhelm.
Gespannt sehen sie den Herankommenden entgegen.
Plötzlich stößt Wilhelms Kopf vor. Er fährt mit der Hand über die Augen, wischt über sie, starrt.
Es ist keine Täuschung mehr möglich!
Er sieht noch, wie das gerötete Gesicht der Reiterin weiß wird wie Schnee – und an ihnen vorbei ist der Trupp.
Durch Wilhelm von Camburg geht ein Schlag wie wenn ein Blitz in eine Eiche fährt.
Wild steigt sein Pferd empor. Noch im Bäumen wirft er es herum, fegt nach.
Kommt noch zurecht, um die letzten Worte an das hohe kaiserliche Paar zu hören:
„... Gräfin Uta von Ballenstedt, mein Weib.“
Wilhelm von Camburg schwankt.
Aber da ist Dietmar von Saalecks Hand unauffällig und getreu, wie es sich unter Edelleuten geziemt. Ein Herr derer von Camburg darf nicht wanken, auch wenn ihm das Leben zerbricht!
Aber die junge Gräfin ist eine Frau. Sie droht aus dem Sattel zu sinken. Der starke Arm ihres Mannes hält den Fall auf.
„Verzeiht, eine klein Unpässlichkeit“, entschuldigt der Graf Ekkehard von Meißen.
Aber Kaiserin Kunigunde ist eine zu erfahrene Frau. Ihr Auge hat genug gesehen.
Nun ist Wilhelm von Camburg vor der jungen Gräfin.
Ihre Augen ruhen ineinander.
So blicken weidwunde Tiere, die den Todesstoß empfangen.
Er neigt sich über ihre Hand, führt sie an die Lippen. Sind das die Lippen, deren Küsse so heiß waren und voll Glut? Sie sind kalt wie Eis.
Ist das die Hand, deren Liebkosungen so zärtlich waren wie strömende Frühlingssonne? Sie ist kalt wie Totengebein.
Sind sie denn beide gestorben und einander begegnet irgendwo im All, wo es ganz verlassen und grausig ist?
Ja, sie sind beide gestorben und tot.
In Wilhelms Brust schreit es auf wie ein wildes Tier. Er weiß alles. Verrat! Oh, Verrat!
Schmerzweh ruht das Auge der Kaiserin auf den beiden unselig Liebenden. Ihr Blick ist feucht.
Wilhelm von Camberg reitet zurück. Weit zurück zum Tross. Er versteckt sich wie ein Hund, den eine harte Faust schlug.