Dichtung — Mystik — Spiritualität


Kindheit eines Dichters

Seine früheste Kindheit verbrachte Hans Sterneder unter der Obhut seiner Großmutter. Die Mutter konnte sich nicht um den Kleinen kümmern, weil sie auf den umliegenden Bauernhöfen als Magd ihr Brot verdienen musste. So wurde die Großmutter mit ihrer besinnlichen Heiterkeit, ihrem unzerbrechlichen Lebensmut und ihrem tiefen Wissen um die Fragen des Lebens die erste Bezugsperson seiner Kindheit. Sie wurde ihm zum Sinnbild einer bäuerlich naturhaften Verbundenheit mit Gott und er schrieb später kaum ein Buch, in dem er nicht seiner Großmutter ein Denkmal gesetzt hätte. So beispielsweise in Gestalt der Barbara Maatz im „Wunderapostel“.

Waren Mutter und Großmutter von Hause aus arme Leute, so fielen sie in der frühen Kindheit Hans Sterneders noch tiefer in der sozialen Hierarchie des Dorfes. Fritz Arno Weisse schrieb dazu in seiner Dissertation über Leben und Werk Hans Sterneders:

„Wegen Überschuldung und Verarmung musste die Großmutter ihr Häuschen räumen. Dadurch war sie die Dorfärmste geworden. Sie zog mit ihrem Enkelkind in die ‚Armeleuthausung‘. Ein Rebenhügel wurde von einem Hohlweg durchschnitten. Von einer Seite dieses Weges führte eine Tür in eine Stube, die aus dem weichen Lößboden ausgestochen war und dem jeweiligen Dorfärmsten als Wohnung diente. Untertags ging die Großmutter ihrer Arbeit auf den Feldern der Bauern nach. Als einsames Kind wuchs ihr Enkel in engster Verbundenheit mit Sonne und Regen, Wind und Erde auf. Am Herzen der großen Allmutter ruhte er, ob er nun im Wäschekorb auf einem Feldrain lag, beschattet von einer Holderstaude, oder ob er später dann auf dem Lehmboden der Höhlenwohnung umherkroch und Bekanntschaft schloß mit Spinnen und Käfern. So eroberte sich dies Kind Stück um Stück seiner kleinen Welt, befühlte voll Neugier die brutwarmen Vogeleier in den Nestern und belauerte die Grillen, die gleich ihm in Erdlöchern hausten. Ein Menschendasein wurde eingestimmt in völligem Gleichklang mit dem Lied der Schöpfung, nach dessen Rhythmus Gräser, Bäume und Tiere werden und vergehen. Denn sie alle waren die Gespielen dieses jungen Lebens. Daraus ist es zu verstehen, dass der erste Anblick des Heimatdorfes mit seinen regelmäßigen, gemauerten Häuserreihen dem Dreijährigen zum gewaltigen Erlebnis wurde. Mit einer scheuen Ahnung von der Welt der Menschen mit ihren großen Städten und himmelragenden Türmen kehrte er an der Hand der Großmutter wieder in die Erde zurück, aus der er gekommen war. Und eingegraben in den warmen Lehm, der mit seiner Strahlung mancherlei Gebrest der leidenden Menschheit zu heilen vermag, verbrachten sie noch einige Winter. Sie lebten gleichsam in einer einzigen, großen Lehmpackung.“ (1)

Als Hans Sterneder in die Dorfschule kam, lebte er noch mit der Großmutter in der Armeleuthausung. Doch als er im dritten oder vierten Schuljahr war, kaufte sein Vater der alten Taglöhnerin ihr Häuschen zurück. Weisse schreibt weiter:

„Voll Glückseligkeit nahm sie ihr Enkelkind an der Hand und verließ die Armeleuthausung. Im engen Hof des wiedererworbenen Heimes überblühten Geranien-, Begonien- und Fuchsienstöcke, welche die Großmutter von ihren Dienstgebern zusammengebettelt hatte, ein Brettergestell. Auf diese prangende Häufung von Zierblumen ohne bäuerlichen Nutzwert, auf diese noch nie gesehene schwellende Farbenkaskade, blickten die staunenden Kinderaugen manche einsame Sommerstunde lang. So trieb eine blumenfrohe Greisin Poesie auf ihre Weise, und ein künftiger Dichter wurde eingeweiht in den Dienst an der Schönheit um ihrer selbst willen.“ (2)

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(1) Weisse, Fritz Arno (1941): Hans Sterneder, sein Leben und Werk. Dissertation. Wien. S. 6-7.
(2) Weisse, Fritz Arno (1941): Hans Sterneder, sein Leben und Werk. Dissertation. Wien. S. 7.