Dichtung — Mystik — Spiritualität



Hans Sterneder
Sommer im Dorf


Tagebuch eines Besinnlichen
Hardcover — 408 Seiten — 19,90 EUR
ISBN 978-3-940964-13-7

„So wie der Sommer draußen ein organisch Wachsendes ist,
ebenso ist auch dieses Buch gebaut – trotz seiner scheinbar losen Form –
und ein streng organisches Ganzes, wie im Sommer ein Tag in den anderen greift,
der Abend nicht vor dem Morgen kommt, die Blüte nicht vor der Knospe,
das Vöglein nicht vor der Liebe der brütenden Vogelmutter.“


Hans Sterneder


Der zweite Teil von Hans Sterneders Tagebuch eines Besinnlichen steht dem ersten Band „Frühling im Dorf“ in nichts nach. Wieder ist es geprägt durch eine bunte Vielfalt tiefsinniger Gedanken, wieder stehen kleine Alltagsbegebenheiten neben allumspannenden Gedankengängen über Mikrokosmos und Makrokosmos. Und alles immer aus dem weisen Blick des Geistmenschen, der in allem einen tieferen Sinn erschaut und das Leben über die Maßen liebt.

Nanda Herbermann schrieb 1931 in der katholischen Kulturzeitschrift „Der Gral“: „Das ist eines von jenen Büchern, die man nicht mehr aus der Hand legen möchte, bis man es durchgelesen hat. In ihm vereinigen sich scharfer Geist, eine kritische Beobachtungsgabe, ein mitfühlendes Herz und ein köstliches Gemüt. Noch mehr als im ‚Frühling im Dorf‘ erreicht hier der Dichter eine geistige sowie künstlerische Höhe, die über die Erde mit ihren tausend Schönheiten, mit ihren Menschen, Pflanzen, Tieren hinaufführt in das Reich des Geistes, wo vom Materialismus unserer Tage gar nichts mehr zu spüren ist, wo Gott ist und Ewigkeit.“

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Leseprobe

Morgengebet der Kreatur
© Eich-Verlag, Thomas Eich 2011

Gibt es ein göttlicheres Morgenerwachen?
Das leise, flötende Gezwitscher der Schwalben hat mich, wie alle Tage jetzt, aus dem Schlaf geweckt. Ich brauche nicht nach der Uhr zu schauen; ich weiß, es ist drei Uhr morgens.
Mir ist so andachtsvoll zumut, ich liege und lausche und schlürfe das trauliche Morgenlied meiner Schwalben in mich. Alles ist so still und so frisch und so stark. Ich spüre die verhaltene Aufbruchsfreude der Natur.
Es ist die Stunde des Harrens, der demütigen Bereitschaft.
Ich weiß es längst: Es geht um diese Stunde ein heimliches Beben durch die ganze Kreatur, das jedes Vogelherz trifft, jeden Grashalm umweht, durch den Stamm der stärksten Eiche rieselt!
Ich habe es beobachtet: Sogar die Melodie des fließenden Wassers ändert mit dieser Stunde ihren Tonfall. Ich weiß, wer es gibt, das Zeichen, den heimlichen Ruf – doch nehme ich gerne an, dass es der Erd-Geist selber ist, der seine ihm noch verbundenen Kinder weckt.
Ich bin bei Blumen gestanden unterm Verblassen des letzten Sterns, und wenn die Zeit sich erfüllte, dass er sich unmerklich ins Weltall entzog, und der erste, hauchzarte Rosenschimmer im Osten sich zeigte, ging ein merkliches Beben durch die Pflanze.
Denn die Sonne ist die Gottheit der Kreatur.
Die Kreatur weiß von keinem anderen Gott. Er ist ihr alles: In Ihm lebt sie, ringt sie, erfüllt sie ihres Seins Bestimmung.
Die Nacht ist Finsternis und bange Frage. Ja, gut ist die Nacht, aber in ihren sanften, kühlen Schleiern webt leise Starre des Vergehens.
Licht aber ist Wärme und Wärme ist Leben, jubelndes Leben! Licht öffnet die Kelche, Licht ruft die Vögel zur Paarung, das Licht mahnt die Biene zum Werk. Im Licht dehnt sich jeder Stein, jeder Berg, spannt sich jedes Blatt unter dem Einströmen des milden Hauches der Gottheit.
So harret jedes Geschöpf die halbe Stunde vor dem Aufgang des Taggestirns in Wonnen und Schauern auf den strahlenden, flammenden Herrn seines Lebens.
So harren und erwarten ihn täglich mit offenem Herzen und schmelzendem Lied meine Schwalben – die Schwalben meines Hauses.
Unruhig und voll Sehnsucht verlassen sie die alten Nester und fliegen auf die Leitungsdrähte, um ja nicht den gnadenreichen Anblick und Segen des ersten Strahles zu verpassen.
Ich hebe den Kopf: Da sitzen sie wie jeden Morgen – ein wenig schwankend und zwitschernd. Oh, wie ihre braunen Kehlen sich heben und senken!
Raben krächzen plötzlich hinein in das süße, innige Lied, das so zart ist Weihrauchwolken. Wie das berührt!
Aber nun kommt es vom nahen Silbersberg her, wie jeden Morgen: „Kuckuck, Kuckuck!“ ... Und noch einmal und immer weiter! Und wetteifert mit dem quarrenden Rabengeschrei – und ist mit einem Mal kein Vogelrufen mehr, sondern hat sich in mir gewandelt zum Kampf der finstern Mächte mit den Gewalten des Lichtes ... Und das Lichte siegt, und jubelnd tönt die Schalmei vom grünen, grünen Wald herüber.
In mir ist alles hell und weit und auch das Gezwitscher ist lauter und inbrünstiger geworden, alles in mir ist Spannung. Und siehe, o Jubel – da, wieder erlebe ich aller Wonnen Rund: Jäh aufflammen die bebenden Brüstlein meiner lobsingenden Schwalben, und im hellen Widerschein ihres Lichtes grüßt mich die göttliche Sonne!

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